Jochen Malmsheimer: Ein Wortschmied dreht am Rad

Manchmal könnte sich Jochen Malmsheimer nur aufregen. Vor allem dann, wenn alle wieder alles besser wissen und er selbst gar nicht mehr gefragt wird. So wie bei Corona. Erst Panik, dann Lockdown und dann Impf-Verweigerer mit offensichtlich interzerebralen Einschränkungen. Und als man schließlich wieder alles darf, auch auftreten, kommen wieder reguläre Montage. Auf die könnte man doch nun wirklich verzichten. Seit 1976 eine DIN-Norm selbigen zum ersten Tag der Woche machte und diese dadurch grundsätzlich schlecht anfängt (nämlich nicht mehr mit Sonntagsbrötchen um 10 Uhr morgens), sind Montage immerhin vieles, aber kein Spaß mehr. Auch dazu hat übrigens niemand Jochen Malmsheimer befragt.

Jetzt muss der sich also regelmäßig aufregen, was wiederum zu Bluthochdruck führt, das wiederum zu einer Fahrrad-Therapie in Funktionskleidung, das zu noch mehr Aufregung und schließlich zu einem Gespräch mit dem eigenen Gesamtwerk und dem Persönlichen Unvermögen. Im Pantheon erzählt der Großmeister des epischen Kabaretts nun von seinen Leiden – und bereitet dem Publikum so gleich zweimal hintereinander einen unvergesslichen Abend.

 

„Statt wesentlich die Welt bewegt, hab ich wohl nur das Meer gepflügt“ ist das erste neue Programm Malmsheimers seit sieben Jahren. Die Verzögerung ist zum Teil der Pandemie geschuldet, zum Teil der Gesundheit und zum Teil der Tatsache, dass ein derart geschliffener Text wie ein Malmsheimerscher nun einmal nicht über Nacht geschrieben werden kann. Qualität braucht seine Zeit. Doch schon nach den ersten Minuten ist klar: Das Warten hat sich gelohnt, vor allem für Sprachliebhaber. Wie könnte es auch anders sein bei einem Mann, dessen Wortschatz den des Dudens mühelos in den Schatten stellt und der scheinbar mühelos aus dem Alltäglichen etwas Besonderes macht. Selbst aus einer Radtour, empfohlen von einem Arzt mit offenbar sadistischer Ader. Dabei könnte der hohe Blutdruck Malmsheimers sogar ein Segen sein, ist er doch der Fluch jeder Mücke, die sich an ihm vergeht. Einmal gesaugt, schon platzen die Plagegeister. Gerade im Sommer ist das ein nicht zu unterschätzender evolutionärer Vorteil, und gleichzeitig schützt es Malmsheimer vor der bereits erwähnten Funktionskleidung. Andererseits hätte er dann nicht so viel zu erzählen. Was für eine Zwickmühle.

Natürlich sind die Geschichten immer nur so stark wie der Erzähler, und was sprachlichen Reichtum angeht, kann auf deutschen Bühnen keiner Jochen Malmsheimer das Wasser halten. Seine vor Bildern schier überquellende Sprache macht aus jeder noch so kleinen Banalität ein Kunstwerk, mal grob aus dem Wortgebirge herausgehauen und mal fein ziseliert. Diesen derart geadelten, satirisch überhöhten Alltagserlebnissen setzt Malmsheimer – so wie er das schon seit einiger Zeit tut – anschließend eine zweite, metaphysisch-abstrakte Ebene gegenüber, in der statt Büchern, Wörtern und Buchstaben diesmal sein eigenes Œuvre in einen Dialog mit ihm tritt. Dieses zeichnet Malmsheimer deutlich kleiner (und weit weniger eloquent), als es ist, kann aber so als der große Aufklärer auftreten und eine Antwort auf die Frage zu geben versuchen, die für sein Werk geradezu existenziell ist: Hat es etwas bewirkt? Ist es Kunst oder kann es weg? „Kein Text hat je ein Feuer gelöscht“, betont Malmsheimer in diesem Zusammenhang. Aber vielleicht hat er eines verhindert oder zumindest die Menschen zum Nachdenken gebracht. Wenn Kunst er- oder anregen kann, dann hat sie ihr Ziel erreicht. „Ob etwas bleibt, ist wurscht, so lange etwas entsteht.“ Bei Jochen Malmsheimers Programmen ist dies in erster Linie die Faszination angesichts der Kraft und der Farbenpracht von Sprache. Und dieses Gefühl, das bleibt.


Termin: Jochen Malmsheimer ist mit seinem Programm „Statt wesentlich die Welt bewegt, hab ich wohl nur das Meer gepflügt“ am 27. Februar 2024 erneut im Pantheon in Bonn zu Gast. Tickets erhalten Sie unter www.pantheon.de.

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Kommentare: 1
  • #1

    Fritz (Mittwoch, 17 Januar 2024 08:14)

    Gestern in Hamburg gesehen. Alter Mann sitzt am Tisch und liest alte Geschichten vor, warum Honecker nicht singen kann und über Chinesen, die Hunde essen. Einfach nur peinliches Boomer-Geschwafel - unerträgliche 90min!