"Angst": „Der Teufel ist am Werk“

Alle haben vor irgendetwas Angst, gerade jetzt. Angst vor Corona, vor dem finanziellen Ruin, vor Isolation und vor Altersarmut. Angst vor der Machtlosigkeit gegenüber dem Wirken der Regierung, Angst vor Fremdem und vor Fremden, Angst vor dem Hass, Angst vor der Opferrolle, Angst vor dem Ablaufdatum der Welt und Angst vor der eigenen Wut. Im Schauspielhaus des Theater Bonn wird dieser amorphen Gefühlswelt nun eine Bühne geboten.

Regisseur Volker Lösch, der in der Vergangenheit schon mehrfach mit Recherche-Projekten auf sich aufmerksam gemacht hat, zeigt mit „Angst“ alle Facetten dieser Emotion, aber vor allem auch ihre mitunter gewalttätigen Folgen auf. Dabei zieht er Parallelen zwischen der Gegenwart und der Zeit um 1630, als in Bonn und Umgebung die Scheiterhaufen brannten und hunderte vermeintliche Hexen auf brutalste Weise gefoltert und hingerichtet wurden. Ein dramatischer Schachzug – der allerdings nicht ganz aufgeht.

 

Auf den ersten Blick scheinen die Bezüge offenkundig zu sein: Wird die eigene Existenz bedroht, ob nun durch Hungersnöte und Plünderungen oder durch einen Virus, suchen viele Menschen schnell nach einem Schuldigen und finden ihn unter jenen, die nicht in das eigene Umfeld passen. Die bewährten Feindbilder werden reaktiviert, und je mehr diese eine Bestätigung erfahren, um so überzeugter und wilder wird der Mob. Lösch dehnt dies nun aber auf zwei Stunden aus, lässt aus dem „Hexenhammer“ lesen, die Identitäre Jugend zu Wort kommen und Querdenker, Qanon-Prediger und Prepper zitieren. Auf der anderen Seite dürfen in einem überlangen Video-Einspieler Apotheker, Journalisten, stigmatisierte Gesundete, Transsexuelle und der Bürgermeister von Altena von ihren Erfahrungen mit Anfeindungen berichten. Dazu inszeniert Lösch einen obszönen Hexensabbat und einen Hexenprozess unter der Leitung des kurkölnischen Justizkommissars Franz Buirmann, der letztlich im Absurden endet.

 

Doch wohin führt dieses Panoptikum der Angst? Nicht zu einer Lösung, auch nicht zu einer Erklärung, noch nicht einmal zu einem Ansatz. Mehr als eine mitunter eindringliche Dokumentation der Umstände mit teils grotesken Bildern gelingt hier nicht. Dennoch lohnt es sich, das zwei Stunden lange Stück anzusehen, alleine schon zur Abschreckung. So tief kann der wahnhafte Mensch also fallen. Allein das ist mitunter Lehre genug.

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